Picoscope 3203D im Test

Seit einiger Zeit plagt mich das Thema, welches Oszilloskop ich nun erwerben soll, um mein altes Hameg HM512 zu ersetzen, welches ja nun mittlerweile weit über 40(!) Jahre alt ist.

Ich hatte bereits das "Vergnügen", mit einem Rigol DS1052E und einem DS2072A zu arbeiten. Ich spare mir an dieser Stelle die Details. Nur soviel dazu: Wer keinen Düsenjet auf seinem Schreibtisch stehen haben will, sollte tunlichst die Finger davon lassen! Insgesamt ist alles aus dem Hause Rigol, was ich bisher in den Fingern hatte, als billiger Schrott zu bezeichnen, das schliesst das Tischmultimeter DM3058E und das Labornetzteil DP832 ein. Einzig der Funktionsgenerator DG4102 vermochte zu überzeugen. Alle anderen Geräte scheiden allein wegen der lauten Lüfter aus, die allesamt eine absolute Zumutung sind! Scheinbar sind alle Chinesen taub.

Aber genug davon, wenden wir uns den angenehmen Dingen zu...

Meine Anforderungen an ein Oszilloskop waren wie folgt:

  • Bandbreite 50MHz
  • mindestens 1GS/s Abtastrate
  • 2 Kanäle
  • Mixed Signal mit mindestens 8 Logik-Kanälen
  • Optional Funktionsgenerator
  • Unhörbar bzw. gar kein Lüfter verbaut
  • maximal 1000 Euro

Ich habe mir das Rohde und Schwarz HMO1002 aus dem Einsteigersegment angesehen. Ebenso die HMO Reihe von Hameg, die ja alle mittlerweile aus einem Hause stammen. Nachdem R&S eine völlig bescheuerte Politik betreibt und Geräte mit verstümmelter Software verkauft, die per Voucher wieder freigeschaltet werden muss und der Messkopf für die MSO Funktionalität teuer zugekauft werden muss, habe ich mich ebenfalls dagegen entschieden. Die billig wirkenden und viel zu kleinen Drehknöpfe wirken auf mich auch irgendwie abschreckend.

Der ganze chinesische Plastikpressmüll billige Kram aus dem Hause Hantek, Siglent, Owon und wie sie alle heissen, kam nicht in Frage, da ich die gleiche miserable Qualtität wie bei Rigol vermute. Recherchen in diversen Foren haben dies auch bestätigt.

Tektronix und Agilent bzw. Keysight sind mir zu teuer. Wer noch Mixed Signal dazu haben möchte, muss sehr tief in die Tasche greifen. Obwohl ich zunächst entschieden gegen die Anschaffung eines USB-Oszilloskops war, haben mich die technischen Daten des  Picoscope 3203D überzeugt. Ich habe beim Händler meines Vertrauens bestellt und heute ist es dann eingetroffen. Ich habe mich natürlich gleich daran gemacht, das Gerät ausgiebig zu testen.

PS 3203D (Quelle : Reichelt)

PS 3203D (Quelle : Reichelt)

Die technischen Daten im Kurzüberblick:

  • 50 MHz Bandbreite
  • 2 Kanäle
  • Mixed Signal Funktionalität mit 16 Kanälen
  • Arbiträrer Signalgenerator mit 1MHz Bandbreite
  • USB 3.0
  • 2.5 GS/s Abtastrate bei 8-bit vertikaler Auflösung

Liest sich alles schon sehr gut, aber was zeigt die Praxis? Schliesslich kommt es bei einem USB-Oszilloskop auch zu großen Teilen auf die Software an. Ich kann alle Leser beruhigen: Picotech hat seine Hausaufgaben gemacht. Das Gerät ist gut verarbeitet und die Installation ist kinderleicht. Es gibt sogar mittlerweile eine Linux Version, die bei mir unter Linux Mint 17 leider nicht stabil lief. Alle Aussagen hier gelten also für die Windows Version.

Dank der Software gehen die Möglichkeiten natürlich weit über die eines herkömmlichen DSOs hinaus. Im Bild unten ist die Oberfläche mit Signalen auf beiden Kanälen zu sehen.

Picoscope Software

Picoscope Software

Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, daß ich mich so schnell mit der Bedienung anfreunden würde, aber bisher bin ich begeistert. Es ist alles dabei, was man sich wünscht: Auto-Setup, Zoom-Funktionen, diverse Mathematik Funktionen, wie Addition und Multiplikation, ein Spektrum Analyser und vieles mehr lassen das Elektronikerherz höher schlagen.

Ganz leicht lassen sich verschiedene Ansichten kombinieren und per Mausklick als Grafik exportieren. Im nächsten Bild ist beispielsweise die Mixed Signal Funktionalität zu sehen.

Picoscope MSO

Picoscope MSO

Wer digitale Signale dekodieren möchte, bekommt Dekoder für die verschiedensten Protokolle frei Haus geliefert, die sich andere Hersteller teuer bezahlen lassen. So können beispielsweise  RS-232, I2C, SPI, CAN und vieles mehr mit wenigen Klicks dekodiert werden und das ohne sich durch umständliche Menüs wühlen zu müssen!

RS-232 dekodieren

RS-232 dekodieren

Ein ganz besonderes Schmankerl ist meiner Meinung nach der integrierte Funktionsgenerator, der auch arbiträre Wellenformen generieren kann. So lassen sich leicht Wellenformen exportieren und importieren. Auch das Zeichnen von Wellen ist möglich. Denkbar sind auch externe Programme, die bestimmte Muster in eine Textdatei generieren, diese lassen sich dann leicht importieren. Ich habe mit folgendem Java Programm eine Treppenform erzeugt und dann in den Generator importiert:

public class Gen {

	public static void main(String[] args) throws IOException {
		StringBuffer s = new StringBuffer();

		for (int i = 0; i < 256;i++) {
			for (float f = 0; f < 1; f+=0.25f) {
				s.append(f);
				s.append("\n");						
			}			
		}

		System.out.println(s);

		FileUtils.writeStringToFile(new File("./out.csv"), s.toString());
	}

}

Die Ausgabe schaut dann so aus:

Treppenstufen mit dem AWG

Treppenstufen mit dem AWG

Wie man sich denken kann, sind die Möglichkeiten hier nahezu unbegrenzt.

Bei soviel Lob muss es doch einen Haken geben, wird sich der ein oder andere vielleicht denken. Ja den gibt es, sogar mehrere, aber die kann man wirklich verschmerzen. Hier also ein kurzes Pro und Kontra:

Pro

  • Das Gerät ist für den Preis von knapp 750 Euro unschlagbar, was Austattung und Verarbeitung angeht. Zudem ist es wirklich sehr transportabel und passt bequem in eine Laptoptasche.
  • Geringer Platzbedarf
  • Die Software macht einen ausgereiften Eindruck und ist wirklich intuitiv zu bedienen, lediglich die Möglichkeit Logik-Kanäle auch vertikal zoomen zu können habe ich vermisst.
  • Picotech bietet auch ein SDK an, mit dem sich relativ einfach eigene Anwendungen entwickeln lassen, sofern man des Programmierens mächtig ist.
  • Kein nerviger Lüfter

Kontra

  • Leider ist der Funktionsgenerator mit 1MHz etwas schwach bestückt, wer mehr Bandbreite möchte, muss zu den teureren Modellen aus der 4000er bzw. 5000er Reihe greifen, büsst hier aber die Mixed Signal Funktionalität ein, die für mich persönlich sehr wichtig ist.
  • Der Logik Tastkopf ist leider mit sehr kurzen Kabeln bestückt und die Logik Probes hätten etwas weniger billig sein können.
  • Fehlende Haptik, da das Gerät ausschliesslich über die Software bedient wird, so richtig schlimm ist das aber nicht, da man sich einfach an etwas neues gewöhnen muss.

Fazit

USB Oszilloskope, insbesondere jene von Picotech sind auf dem Vormarsch und sind bereit, altbackene und teilweise überteuerte Standalone-Geräte abzulösen. Besonders die erweiterten Möglichkeiten wie Im- und Export und der integrierte AWG vermögen zu überzeugen. Auch wer bereits ein hochwertiges Oszilloskop in seinem Labor stehen hat, sollte auf jeden Fall mal einen Blick auf das Picoscope werfen.

Ich gebe meines jedenfalls nicht mehr her. 😉

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